Am Rande eines Abgrundes

End­lich fan­den wir wie­der ei­nen Grund, um uns den Gau­men­freu­den zu wid­men und so stie­gen wir an die­sem be­sag­ten Nach­mit­tag ins Auto und fuh­ren los zum Fisch­re­stau­rant in un­se­rer Nähe. Wir freu­ten uns sehr über un­ser Vor­ha­ben. Die Land­schaft bot mir ei­nen herr­li­chen Aus­blick: zahl­rei­che saf­tige Grün­töne, all­mäh­lich gelb wer­dende Raps­fel­der und blü­hende Obst­bäume. Der Früh­ling machte kei­nen Halt mehr. Plötz­lich kam uns eine Idee. Wir woll­ten eine Ab­kür­zung fin­den und bo­gen von der Straße in den Wald ein. Bei of­fe­nen Fens­ter­schei­ben ge­nos­sen wir den fri­schen Wald­duft und das rege Vo­gel­ge­zwit­scher. Nach ei­ner kur­zen Weile en­dete plötz­lich der Weg. Uns blieb also nichts an­de­res üb­rig als um­zu­keh­ren. Plötz­lich fiel uns ein sehr ho­her Baum mit vie­len Wur­zeln auf. Vol­ler Neu­gierde stie­gen wir aus und tas­te­ten uns ganz vor­sich­tig heran. Da sa­hen wir nicht nur den in­ter­es­san­ten Baum, son­dern noch diese rie­sige Kuhle. Nun stan­den wir vor ei­nem un­glaub­li­chen Phä­no­men und wur­den ganz still. Am Rande die­ser Ver­tie­fung wuchs ein gro­ßer Baum mit zum Teil frei ge­wor­de­nen, sicht­ba­ren, gi­gan­ti­schen Wur­zeln. Es war un­heim­lich und un­glaub­lich zu­gleich.

 

Das war ziem­lich fas­zi­nie­rend, bei­nahe un­ter ei­nem Baum zu ste­hen und auf sein tiefs­tes Ge­heim­nis zu bli­cken. Wir konn­ten den Teil der Wur­zeln be­trach­ten, wel­cher nor­ma­ler­weise von der Erde be­deckt ist. Den Baum schien es kaum zu in­ter­es­sie­ren, dass er am Rande ei­nes Ab­grun­des wuchs. Seine rie­si­gen Wur­zeln wa­ren so dick und bohr­ten sich so tief in die Erde, dass er trotz­dem auf­recht ste­hen konnte und nicht um­fiel. Sie ga­ben ihm Halt und Si­cher­heit. Mir wurde die Kraft und die Wich­tig­keit der Wur­zeln be­wusst. Ich glaube, dass je­der von uns Wur­zeln hat, viel­leicht nicht so mäch­tig wie die des Bau­mes, aber si­cher stark ge­nug, um Halt zu ge­ben. Die­ser Baum hat mir ge­zeigt, dass man am Rande »sei­nes Ab­grun­des« trotz­dem auf­recht ste­hen blei­ben und wei­ter­hin »groß und stark« sein kann.

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