Am Waldrand — In der Stille

Wie­viel Schö­nes ist auf Er­den
Un­schein­bar ver­streut;
Möcht ich im­mer mehr des inne wer­den;
Wie­viel Schön­heit, die den Ta­glärm scheut,
In be­scheid­nen alt und jun­gen Her­zen!
Ist es auch ein Duft von Blu­men nur,
Macht es hol­der doch der Erde Flur,
Wie ein Lä­cheln un­ter vie­len Schmer­zen.

Chris­tian Mor­gen­stern

Das Feuer

Hörst du, wie die Flam­men flüs­tern,
kni­cken, kna­cken, kra­chen, knis­tern,
wie das Feuer raucht und saust,
bro­delt brut­zelt, brennt und braust?

Siehst du wie die Flam­men le­cken,
zün­geln und die Zunge ble­cken,
wie das Feuer tanzt und zuckt,
tro­ckene Höl­zer schlingt und schluckt?

Riechst du, wie die Flam­men rau­chen,
brenz­lig, brutz­lig, bran­dig schmau­chen,
wie das Feuer rot und schwarz,
duf­tet, schmeckt nach Pech und Harz?

 Fühlst du, wie die  Flam­men schwär­men,
Glut aus­hau­chen, woh­lig wär­men,
wie das Feuer,  flack­rig-wild,
dich in warme Wel­len hüllt?

Hörst du, wie es lei­ser knackt?
Siehst du, wie es mat­ter flackt?
Riechst du, wie sich der Rauch ver­zieht?
Fühlst du, wie die Wärme flieht?

 Klei­ner wird der Feu­er­braus:
Ein letz­tes Knis­tern,
ein fei­nes Flüs­tern,
ein schwa­ches Zün­geln,
ein dün­nes Rin­geln,
-aus.

Ja­mes Krüss

 

Anemonen

Sie sprie­ßen licht aus Wal­des­nacht,
Ohne rei­chen Duft, ohne Far­ben­pracht,
Un­ter den gro­ßen, al­ten Bäu­men,
Über das Moos wie flu­tend Träu­men:
Wann der Wind vor­über streicht,
Nei­gen sie ihre Köpf­chen leicht,
Aber wo die Sonne licht
Durch die Blät­ter­kro­nen bricht,
Sau­gen sie all das gol­dige Schei­nen
Sehn­suchts­voll in den Kelch, den klei­nen.
So blü­hen sie scheu, ohne Glanz und Pracht:
Die lich­ten Kin­der der Wal­des­nacht.

The­rese Dahn

Das geheime Wort

»Wenn nicht mehr Wachs­tum und das Geld
sind der Schlüs­sel un­se­rer klei­nen Welt,
Wenn die, die lie­ben und sich ach­ten
aus al­lem Schlech­ten Gu­tes ma­chen,
Wenn Hilfe nicht nur lee­res Wort
und Freund­schaft herrscht an je­dem Ort,
Wenn Frie­den auf der Erde siegt
und je­der sei­nen nächs­ten liebt.
Das Schwere sich zum Leich­ten wan­delt
und je­der Mensch be­son­nen han­delt,
Dann flie­gen von mei­nem ge­hei­men Wort
alle Ängste und Zwei­fel fort.«

Stella Zoe Fiege

Winterwunderland

»Wei­ßer Rau­h­reif auf den Bäu­men
und der Schnee lädt ein zum Träu­men,
die Äste glit­zern frost­bi­zarr
und der See glänzt käl­te­klar,
die Sonne strahlt in sat­tem Blau
des Him­mels und wo­hin ich schau‹,
er­blick ich Schnee am Wal­des­rand,
oh, du Win­ter­wun­der­land.«
Os­kar Stock