Die Zeit-Diebe

»Warum se­hen die grauen Her­ren ei­gent­lich so grau aus?« wollte Momo von Meis­ter Hora wis­sen.
»Weil sie von et­was To­tem ihr Da­sein fris­ten«, ant­wor­tete Meis­ter Hora. »Du weisst ja, dass sie von der Le­bens­zeit der Men­schen exis­tie­ren. Aber diese Zeit stirbt buch­stäb­lich, wenn sie von ih­rem wah­ren Ei­gen­tü­mer los­ge­ris­sen wird. Denn je­der Mensch hat seine Zeit. Und nur so lang sie wirk­lich die seine ist, bleibt sie le­ben­dig.«
»Dann sind die grauen Her­ren also gar keine Men­schen?«
»Nein, sie ha­ben nur Men­schen­ge­stalt an­ge­nom­men.«
»Aber was sind sie dann?«
»In Wirk­lich­keit sind sie nichts.«
»Und wo kom­men sie her?«
»Sie ent­ste­hen, weil die Men­schen ih­nen die Mög­lich­keit ge­ben, zu ent­ste­hen. Das ge­nügt schon, da­mit es ge­schieht.
Und nun ge­ben ih­nen die Men­schen auch noch die Mög­lich­keit, sie zu be­herr­schen. Und auch das ge­nügt, da­mit es ge­sche­hen kann.«
»Und wenn Sie keine Zeit mehr steh­len könn­ten?«
»Dann müss­ten sie ins Nichts zu­rück, aus dem sie ge­kom­men sind.«
Meis­ter Hora nahm Momo die Brille ab und steckte sie ein.
                                                                         Momo, Mi­chael Ende

Der Duft der Erinnerungen

»Das Le­ben ist nicht das,
was man er­lebt hat, son­dern das,
woran man sich er­in­nert und
wie man sich daran erinnert­­    —
um da­von zu er­zäh­len.«
Ga­briel Gar­cía Már­quez