Einmal Berlin und zurück

geschrieben von Ilonka

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Am letzten Wo­chen­ende waren wir in Berlin. In nur sechs Stunden er­lebten wir ziem­lich viel. Ich schätze, so viel wie sonst an sechs Wo­chen­enden: wir waren auf einer Demo, wir haben ei­nige Freunde ge­troffen, wir sind vom Lehrter Bahnhof bis zum Roten Platz ge­laufen und zu­rück. Dann nahm ich im Tier­garten an einem 10-km-Frauenlauf mit über 18.000 Läu­fe­rinnen teil. Das muss man sich erstmal vor­stellen: 18.000 Men­schen, das sind drei Mal so viele, wie in der Stadt, in der ich arbeite.

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Mein letzter Ber­lin­be­such ist fast zwei Jahre her. Seltsam, dass ich mir so viel Zeit damit ge­lassen habe. Denn als ich vor un­ge­fähr vier Jahren Berlin ver­ließ, tat ich es mit einem wei­nenden Herzen und wollte so oft wie mög­lich zu­rück­kehren. Ich war mir si­cher, dass diese große Stadt für Ewig­keiten der ein­zige Fleck auf dieser Erde bleiben würde, an dem ich mich wohl fühle. Als ich ei­nige Jahre zuvor Berlin zog, wurde diese Stdt auf An­hieb zu meiner neuen Heimat und der ein­zige Ort an dem ich mich ver­standen fühlte. End­lich hatte ich einen Platz ge­funden, der mir das zeigte, was ich seit Jahr­zehnten in mir trug: Osten und Westen in einem. Diese Stadt spie­gelte mein In­neres wieder. Bei den aus­gie­bigen Spa­zier­gängen ent­lang der Spree, auf den neuen und alten Straßen, vorbei an den großen Ge­bäuden konnte ich es sehen, rie­chen und spüren. Die Er­in­ne­rungen aus meiner Kind­heit kamen zum ersten Mal zu­rück: kalte Winter, Wasser, Tou­risten, Plat­ten­bauten, Stra­ßen­bahnen, Kultur, Ge­schichte und Theater. Nur die Ostsee fehlte mir. Und ob­wohl ich immer noch nicht wusste, wo meine Wur­zeln lagen, gab mir Berlin ein Ge­fühl von Heimat. Hier konnte ich so sein wie ich bin, nie­mand fragte nach meiner Her­kunft, Vor­ur­teile waren tabu, ich hatte das Ge­fühl, end­lich frei zu sein. Zu­nächst machte es mir nichts aus, zen­tral, zwi­schen Mil­lionen von Men­schen, Tau­senden von Autos und Hun­derten von Häu­sern zu wohnen. Die vielen Mög­lich­keiten be­geis­terten mich und ich wollte es er­leben, es mit­nehmen und dabei sein. Die An­ony­mität und die Un­ab­hän­gig­keit ge­noss ich sehr, aber es gab es kaum je­manden, dem ich ver­trauen oder auf den ich mich ver­lassen konnte. Schon bald merkte ich, dass mir etwas fehlte, aber ich wusste nicht was. Ich hatte alles und ir­gendwie doch nichts. Ich fühlte mich einsam in diesem Chaos und plötz­lich kam die Sehn­sucht nach Stille und Natur. Ich dachte ein Umzug in die Vor­stadt wäre eine Lö­sung. Ich zog also in eine 1-Zimmer-Wohnung, etwas Ab­seits vom Ge­schehen in einer ru­higen Gasse. Hier be­suchte mich sel­tener je­mand, hier brauchte ich länger zum Zen­trum. Doch mir fehlte immer noch etwas. Ich dachte an meine alten Freunde, an meine Fa­milie und an einen besser be­zahlten Job. Sollte ich doch in den Westen zu­rück gehen? Ich wusste ein­fach nicht, wohin mit mir. Ob­wohl es schmerzte, ent­schied ich mich Berlin zu ver­lassen. Und wieder ein Umzug. Es waren in­zwi­schen so viele, dass ich sie noch nicht einmal an vier Händen ab­zählen konnte. Ein wei­terer Ver­such, mein in­neres Gleich­ge­wicht zu finden. Freunde, Kol­legen, Be­kannte und Un­be­kannte pro­phe­zeiten mir: »Du kommst wieder«. Ich kam mir vor, wie einem rie­sigen La­by­rinth. Doch auch der Westen machte mich nicht viel glück­li­cher. Die Ein­bil­dung, dass alles wieder so sein würde wie früher, stellte sich als falsch heraus. Ich habe mich ver­än­dert, meine alten Freunde waren plötz­lich weg und der besser be­zahlte Job wurde zum Horror. Meine Fa­milie war da, das war schön! Ich be­gann je­doch zu be­greifen, dass mir die Wur­zeln fehlten. Ich kannte den Westen und ich kannte Berlin. Tief ver­graben in Er­in­ne­rungen und in einer Sehn­sucht nach Ge­bor­gen­heit, trug ich den Osten in meinem Herzen, aber ich kannte ihn nicht wirk­lich. Als wir da­mals vor dem Mau­er­fall in den Westen gingen, musste ich alles hinter mir lassen und plötz­lich wusste ich nicht mehr, wer ich bin. Die Mauer gibt es schon lange nicht mehr und der Osten war­tete darauf, von mir neu ent­deckt zu werden. Ich stieg an einem schönen Som­mertag in mein Auto und fuhr los. Dahin, wo die Sonne auf­geht. Und als ich an der Ostsee stand und mir die Sonne ent­ge­gen­blin­zelte,  fasste mich mein Glück an meine Hand und ließ mich nicht mehr los. Ich spürte plötz­lich wohin mein Herz ge­hörte und blieb hier.

Und nun nach zwei Jahren bin wieder in Berlin, eine Stadt, die einmal mein zu Hause war. Und ob­wohl ich meine, diese Stadt zu kennen, ist sie mir immer noch fremd. Die Dis­tanz hat meinen Blick­winkel ver­än­dert. Berlin war ein Not­aus­gang. Heute merke ich, dass mir diese Stadt zu groß, zu laut, zu un­ruhig ist. Die Straßen we­cken Er­in­ne­rungen, um die Ecke wohnen ein paar Freunde. Leere Augen starren mich an, ver­wirrte Ge­stalten su­chen nach Auf­merk­sa­meit. Eine Stadt in der sich viele ein­same Herzen be­gegnen. Sie su­chen nach Liebe und flüchten sich in Dun­kel­heit. Ihre Frei­heit ist zwi­schen den Mauern der Häuser ein­ge­sperrt und ihr Blick kennt nur die Weite der breiten Straßen. Sie führen ein Dop­pel­leben und keiner kennt sie so richtig. Ich schaue sie an und sehe: keine Wur­zeln, keine Fa­milie, schwan­kend, um­her­ir­rend, haltlos, in Gruppen aber trotzdem al­leine. Hier wird dich Nie­mand ver­missen. Ein Ort an dem das Kommen und Gehen an der Ta­ges­ord­nung ist, künst­lich ge­schaffen, voller Konsum und voller Sehn­süchte. Ich will hier weg, nach Hause. Dahin, wo mich die lie­be­vollen Augen an­schauen, wo mir die Stille Ent­span­nung und die Natur Ge­las­sen­heit bringt. Da ist mein Glück, da ist meine Liebe.