Ein goldener Oktobertag in Danzig

geschrieben von Ilonka

Blumenfrau (2)

Foto: Chris­tian Karlinski

Herz­lich be­dankte sich die alte Frau bei mir, die ein­ge­mum­melt in der Kälte saß. Ihr helles, fal­tiges Ge­sicht war von dem ei­sigen Wind rosig ge­färbt. Ich schenkte ihr ei­nige Zlotys, denn ihr An­blick machte mich traurig. Zwi­schen den Rei­chen dieser Welt, die ohne Ach­tung und Blick an ihr vor­bei­laufen, ver­kaufte sie ihre selbst­ge­bun­denen Blüm­chen. Sie er­zählte mir von ihrer Katze, der sie von diesen paar Geld­stü­cken Futter kaufen würde. Sie er­zählte mir von ihrer nied­rigen Rente, die der Grund dafür wäre, dass sie hier Tag für Tag auf ihrem Ho­cker sitzen muss. Sie er­zählte mir davon, wie sie am heu­tigen Morgen Kohle zum Heizen aus dem Keller holte und wie sehr sie mich um mein Leben be­nei­dete. Wenn sie könnte, hätte sie schon längst dieses gol­dene Danzig ver­lassen. Ihre freund­liche, lie­bens­werte Art und ihre Dank­bar­keit strahlten aus ihren Augen. Diese schöne, alte Frau lä­chelte mich noch ein Mal lie­be­voll an, bevor wir uns ver­ab­schie­deten. Ich musste an meine Omi denken. Wir schlen­derten weiter, vorbei an den prunk­vollen Häu­sern mit ihren tau­send­jäh­rigen Mauern, durch­querten herr­liche Tore, schauten neu­gierig hinter die Fas­saden. Dort ver­steckte sich die Armut, der Dreck und der Ge­stank der alten Dan­ziger Gassen. In bau­fäl­ligen Häu­sern mit feh­lenden Treppen und ka­putten Fens­tern wohnen die stolzen Dan­ziger, die einst um ihre Stadt ge­kämpft hatten. Nun sitzen sie mit ihren bunten Sträussen an den Reich­tü­mern der Stadt und bitten be­schämt um Hilfe. Die gol­dene Sonne der letzten Ok­to­ber­tage glänzte über den Dä­chern und legte ihren Schatten in die Hin­ter­höfe. Die Welt hat sie vergessen.